Veröffentlicht von Frank Hielscher am Mi., 18. Jul. 2018 19:53 Uhr

Phil 2,1-4:
Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

„Abendmahlssonntag“ wird der 7. Sonntag nach Trinitatis auch genannt. „Abendmahlssonntag“ deshalb, weil sich alle Texte dieses Sonntages irgendwie um das Abendmahl drehen. Aber nicht um das Abendmahl, so wie wir es kennen. Sondern unter dem Aspekt, mit dem Schwerpunkt: Alle sollen satt werden. Denn Gemeinschaft unter Gottes Segen bedeutet immer, dass alle dieses Segen auch spüren, teilen, gemeinsam feiern. In der alttestamentlichen Geschichte war das so: Hungernde Menschen in der Wüste, und Gott schenkt / schickt ihnen Manna, kleine runde brotähnliche Stücke, die sie satt machen. Alle gemeinsam. Und sie feiern ihren Gott, der sie bewahrt.

Bei der Speisung der Fünftausend, der Geschichte aus dem Neuen Testament, war das nicht anders: Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts, Herkunft und Standes hatten sich versammelt und waren hungrig. Jesus hat sie gesättigt. Hat ihnen in ihrer Not geholfen. – Alle wurden satt und feierten die Gnade und Nähe Gottes.

Und unser Predigttext heute aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper?

Nun, es muss eine besondere Gemeinde gewesen sein. Nicht nur, weil es die erste – und damit älteste christliche Gemeinde auf europäischem Boden war. Nein, es muss eine besondere Gemeinde gewesen sein, weil Paulus in dieser Gemeinde ganz viel von dem vorfand, was er unter einer vorbildlichen christlichen Gemeinde verstand: „Nun istbei euch Ermahnung in Christus, es ist bei euch Trost der Liebe, es ist bei euch Gemeinschaft des Geistes und es ist bei euch, den Philippern, herzliche Liebe und Barmherzigkeit.“

Na, ist das wohl eine vorbildliche christliche Gemeinde?!

Nun, bei allem, was da an Gutem und Vorzeigbaren war, fehlte doch etwas. Denn Paulus schreibt ja weiter: „Macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“

So ganz eines Sinnes war die Gemeinde dann doch wohl nicht. Nach innen „hui“ und nach außen...

Es scheint, als hätten sich die Gemeindeglieder gegenüber der Welt nach außen, den wenigen Juden, die in der Stadt lebten und den vielen Römern, abgeschlossen und versagt. „In Demut achte einer den anderen höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“

In die heutige Sprache übersetzt, hieße das: Nicht „wir zuerst“ sondern „die anderen zuerst“! Zuerst nach deren Bedürfnissen schauen, zuerst deren Not, Hunger, oder Bedrängnis sehen. Das sehen, was dem anderen dient. – Nicht mir.

Also, mit den Worten einer immer größeren Zahl von Politikern und deren Anhängern gesagt: Nicht „America first“, nicht „Ungarn first“, nicht „Bayern zuerst“ oder was sonst noch so gesagt wird. Sondern: „Wo ist die Not? Wo können wir helfen? Wo können wir Brot teilen – oder was man sonst noch so zum Leben braucht – und Sicherheit geben, damit wir gemeinsam die Güte und den Segen Gottes feiern können?“

Wobei: Helfen heißt nicht, um etwas zur aktuellen politischen Diskussion über die Sicherung der Grenzen in Europa zu sagen, dass wir jeden nach Europa kommen lassen sollten, der will. Das würde in großen Teilen Afrikas oder der arabischen Welt zu Zuständen führen, wie wir sie heute schon in großen Teilen der neuen Bundesländer sehen: Landstriche ohne junge tatkräftige Menschen, weil die alle „rübergemacht“ haben. Würden wir alle nach Europa lassen, würden wir vielen Ländern, aus den aktuell die Flüchtlinge kommen, nicht helfen sondern dort noch mehr Armut und Abhängigkeit vom Westen produzieren.

Die Grenzen schließen geht aber auch nicht, denn es kommen viele, die wirklich Not und Verfolgung leiden, denen wir – auch und besonders aus christlichen Verständnis und Auftrag heraus – helfen müssen. Und auch, weil wir hier in Europa und in Deutschland ganz besonders, Einwanderung brauchen.

Am Freitag hörte ich noch, dass auch im letzten Jahr wieder 200.000 Menschen mehr gestorben sind als geboren wurden. – 200.000 – Und das wohl schon seit Jahren, sagten sie. Kommen die nicht von außen irgendwie nach, würde unsere Wirtschaft über kurz oder lang kollabieren. – Wir brauchen Menschen, die zu uns kommen, weil wir meinten oder immer noch meinen, dass Kinder, vor allem zwei oder mehr, eine Belastung der eigenen wirtschaftlichen Verhältnisse bedeuten. 

Wenn ein Land zu wenig eigene Kinder hat, braucht es welche von außen. – Stellt euch vor, alle diese Kinder und Kindeskinder von außen wären nicht hier. Stellt sie euch weg vor. Irgendwo hin. – Und dann geht einkaufen. Versucht einen Handwerker zu finden. Menschen, die bei der Erne helfen. Schaut euch die Schulklassen an. Geht in die Behörden oder schaut euch bei Nachbarn und Arbeitskollegen um. Oder versucht, essen zu gehen: Überall leere Plätze. Überall Arbeit, die nicht getan werden kann. Geld, das nicht verdient und nicht versteuert würde. Kein Geld, das in die Rentenkasse fließt. – Wir wären ein armes Deutschland. Buchstäblich arm.

Aber ich schweife ein wenig ab.

7. Sonntag nach Trinitatis. Kirchentagssonntag. Der Sonntag, wo wir hören und daran erinnert werden, dass Gott möchte, dass alle Menschen satt werden. Mit Brot vom Himmel. Und mit Brot aus der Backstube. Dass Hunger etwas ist, das in seiner guten Schöpfung nicht vorgesehen war. Dass Arm und Reich in dieser Breite, wie wir sie aktuell auf der Welt sehen, etwas ist, das Gott nicht haben will. Es geht nicht an, dass eine Handvoll amerikanischer Milliardäre zusammen soviel Geld besitzen, wie alle Staaten Afrikas gemeinsam.

Und wir, wir sind aufgerufen und aufgefordert, dagegen etwas zu tun. Dagegen etwas zu sagen und selbst dagegen etwas zu tun. – Können wir nicht? Weil die „Großen“ doch die Welt, den Handel und die Politik bestimmen?

Tun sie nur, weil wir sie dazu gemacht haben: Die Politiker gewählt und die Firmen mit Geld versorgt. Was wir nicht kaufen, können die Firmen nicht verkaufen. So einfach ist das. Eigentlich.

Den Kaffee kaufen, der den Menschen hilft und nicht sie ausbeutet. – Der schmeckt aber nicht so gut? Dann ist dir dein Geschmack lieber als das Geschick der Menschen. Achtest du dich selbst höher als das Geschick des anderen, achtest du mehr auf das Eigenes als auf das, was dem andern dient. – Fällt dir was auf?

Aus welchem Stoff ist die Kleidung, die ich anhabe? Muss ich wirklich so oft Neues kaufen und das Alte wegschmeißen, das entweder die Märkte oder die Müllhalden der dritten Welt überschwemmt? Wieviel Fleisch brauche ich zu welchem Preis, das gemästet wurde mit Soja aus Übersee? – Nicht schlimm? Blöd nur, dass das Soja Felder nutzt, die dann nicht die Nahrungsmittel für Menschen aus der Region liefern können.

Welches Auto brauche ich? Und welchen Treibstoff? Welche Milch und welche exotischen Früchte? Muss ich wirklich in den Urlaub fliegen? 

Ich könnte die Fragen, für manche sind es Provokationen, noch reichlich fortsetzen.

Keiner von uns wird alles,, was an Forderungen dahinter steht, erfüllen können. Nicht alles geht für jeden. Immer wieder müssen wir Kompromisse in unserem Leben eingehen.

Aber fragen. Und sich fragen lassen. Provozieren – herausrufen, wie die Übersetzung des lateinischen Wortes lautet. Immer wieder herausrufen, dass wir uns mit der Ungerechtigkeit, die es vielen Stellen in der Welt gibt, nicht zufrieden geben. Dass wir uns eingebunden fühlen in die große Schar der Kinder Gottes überall auf der Welt. Und dass wir Verantwortungen und Verpflichtungen haben. Dass wir nicht alleine sind. Nicht in unserer Stadt. Nicht in unserem Land. Nicht in unserer westlichen Welt. – Und auch nicht in unserer deutschen Sprache. Die Welt ist international. Wir sind international.

„Bis das Brot für alle reicht – so lange werden wir keine Ruhe geben und uns mit aller Kraft für die Gerechtigkeit einsetzen, für das Recht auf Nahrung, für das Recht, in Würde zu leben. So wie unser Gott, der alle Menschen liebt, jeden und jede von uns, tun wir alles und geben nicht eher Ruhe – bis das Brot für alle reicht“, wie es in dem englischen Lied heißt, das wir gleich singen.

Weil wir eben versuchen, immer und immer wieder versuchen, den anderen in Demut höher zu achten als uns selbst und nicht auf das Eigene achten wollen sondern auf das, was dem anderen dient. – Amen.

 

 

Und der Friede Gottes....

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