Veröffentlicht von Frank Hielscher am So., 26. Aug. 2018 15:00 Uhr

1 Mose 4,1-16                                      13. Sonntag nach Trinitatis
Ev. Thomaskirche                                                26. August 2018

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

heute ein Predigttext, der wohl allen von Kindheit an bekannt und vertraut ist: Die Geschichte von Kain und Abel. Wir lesen und hören, was uns in der Bibel erzählt wird:

V1-2: Adam und Eva: aus dem Paradies vertrieben. Sie sind Menschen, mit Schuld beladen, die nun versuchen, mit eigenen Kräften für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, sich einzurichten im Land, in dem sie nun leben.

Leben heißt nun: Last und Lust. Waren sie im Paradies noch keusch und ihre verschiedenen Geschlechter noch ohne gegenseitige Anziehungskraft, so „erkennen sie nun einander“, d. h. neben körperlicher Arbeit erfahren sie nun auch körperliche Liebe. Und die Geburt zweier ihrer Kinder wird besonders erwähnt: Die Geburt von Kain und Abel.

Für die Geburt Kains wird Gott besonders gedankt, Abels Geburt hingegen erfährt nur eine kurze Erwähnung.

Zwei recht unterschiedliche Brüder: Abel, Zweitgeborener. Ein Schäfer. Nomade. Unstetig und ohne festen Wohnsitz. Er zieht seiner Herde hinterher. Nomaden verstanden sich weder auf Häuser- noch auf Ackerbau.

Aber sein Bruder Kain. Erstgeborener. Er war ein Ackermann. Er versuchte, die Regeln der Natur zu begreifen, richtete sich ein und baute ein festes Haus. Ackersleute waren den Nomaden überlegen: geistig und vor allem vom Wohlstand her. Denn sie hatten das ganze Jahr über zu essen, planten und hauswirtschafteten. Sie liefen nicht dem Vieh hinterher, sondern zähmten und nutzten es.

Kain und Abel – Repräsentanten zweier verschiedener Kulturen, zwei verschiedener Standards an Einkommen und Wohlstand. Man könnte auch sagen: Eine Geschichte, ein Bild für unser heutiges Nord-Süd-Gefälle, Industrie- gegen Zwei-Drittel-Welt. Schon immer taten sich da große Konflikte auf.

V3-5:So unterschiedlich Kulturen, Lebensweisen und Einkommen - gottgläubig sind sie beide. Sie beten den gleichen Gott an, sie üben sich beide in Frömmigkeit und Gottesdienst. Jeder nach seinen Möglichkeiten.

Und sie opfern Gott, so wie man es tut zu jener Zeit. Doch: das eine Opfer nimmt Gott an, das andere nicht. Warum, wird nicht gesagt. Von keiner besonderen Schuld des Kain wird gesprochen, auch hatte sich Abel keine besonderen Verdienste erworben. Das eine Opfer sieht Gott gnädig an, das andere nicht. Warum, wird nicht gesagt. Verstehen kann man es nicht.

So war es und so ist es: Menschen verstehen nicht immer, warum Gott so oder so handelt. Gott ist größer als wir, kann weiter sehen, weiter denken, hat andere Pläne. Segen wird gegeben, Segen wird zurückgehalten, nichts in Gottes Tun ist für uns voraussehbar und nicht alles erklärbar. Wir können uns nur fügen in dem Glauben, dass Gott es gut mit uns meint, sein Plan auch mit uns ein gutes Ziel verfolgt.

Abel, der Zweitgeborene, der Nomade, wird gesegnet, bei Kain wird der Segen zurückgehalten. Vielleicht, weil Kain sowieso schon genug hat an Segen, Einkommen und Wohlstand. Das aber sieht Kain nicht ein. „Warum bekomme ich den Segen nicht? Warum dieser arme, unstete Nomade? Schmecken dir meine reichen Gaben nicht, Gott? Abel wird dich sicher bestochen haben!“ So die Gedanken Kains.

Und wieder, früher wie heute: Wer viel hat, will oft noch mehr. Abgeben und Teilen sind nur recht spärlich gesäte menschliche Tugenden. Reichtum und Raffgier gesellen sich gern. „Teilen? Wir? Unser Wohlstand ist gefährdet! Grenzen dicht. Ausländer raus!“ schallt es immer lauter in unserem reichen Land. - Hat sich was verändert seit Kain und Abel?

V6-8: Gott erkennt das Herz von uns Menschen. Er sieht, was wir im Sinn haben; und er weiß auch, dass wir anders können, könnten, als der Sünde und dem Verlangen nachzugeben. Kain könnte über Sünde und Verlangen herrschen. Sie zurückdrängen. Klein halten. Tut er aber nicht.

Und wieder, früher wie heute: Auch bei uns lassen sich immer mehr Menschen von Gefühlen leiten und nicht vom Verstand, halten ihr Gewissen klein. Immer mehr Menschen folgen billigen Ängsten und Angstmachern, halten Vergebung und Vertrauen für christliche Un-Tugenden von unverbesserlichen Gutmenschen.

„Die Sünde hat nach dir Verlangen.“ - Doch wie Kain schlagen immer mehr Menschen alle Mahnungen in den Wind.

Ackermann und Nomade, reich und arm: Schon immer war das Verhältnis von Neid und Rivalität geprägt. Schon immer bekämpfte man sich, waren für den Nomaden die Zäune nur Hindernisse auf dem Wege ihrer Viehherden, und andererseits zertrampelten die Vieherden die sorgsam gepflegten Äcker der Landbevölkerung.

Zwei Kulturen, für die es zusammen scheinbar keinen Platz gab. Er oder ich. Sie oder Wir! -- Kain hatte sich entschieden. Nichts mit Kompromiss und dem Willen, einen Weg zu finden nebeneinander zu existieren. Das Opfer im Gottesdienst hatte das Fass zum Überlaufen gebracht. Abel musste weg, er bedrohte Einkommen und Ansehen. Geteilt wurde dort noch nicht einmal unter Brüdern.

Und wieder gilt: Wo grenzen wir uns ab? Wo stellen auch wir ganz schnell die Frage: Sie oder Wir? Mangelnder Respekt vor dem Anderen, mangelnde Bereitschaft zur Hilfe prägt seit je her das Wesen des Menschen, auch unser Wesen?

V9: Sind wir für das verantwortlich, was passiert in Nord- und Zentralafrika, in Syrien, Afghanistan, Irak? Oder unter den Brücken in und um unsere Städte, im Haus der Nachbarn? Sind wir dafür verantwortlich? Sollen wir denn auf alles aufpassen? - Ja! Sind wir. Als kleine Zahnräder im großen Getriebe der Welt. Was wir kaufen. Was wir sehen. Wie wir leben. Jedes unseres Tuns hat Folgen. Und davor können wir nicht die Augen verschließen, wie wir auch nicht die Augen vor den Nöten der Welt verschließen können. Wir sind verantwortlich für das, was passiert, für das, was wir mit unserem Tun oder auch Nicht-Tun bewirken. Gott sieht es. Da gibt es keine Ausflüchte. Für Kain nicht. Und für uns auch nicht.

V 10-16: Schuld muss gesühnt werden. Der liebe Gott, wie wir ihn nennen, kann auch strafen. Mord, Habsucht und Lieblosigkeit - wer so lebt, muss mit den Konsequenzen rechnen. Gott straft. Und das ist, wenn man es recht bedenkt, auch gut so.

Allerdings sorgt Gott auch dafür, dass das Strafmaß auch eingehalten wird. Kain, zwar von Gott als mit Schuld Beladener gezeichnet, wird nicht der wütenden Masse ausgesetzt. An anderer Stelle in der Bibel heißt es: „Die Rache ist mein“, spricht der Herr. Nicht wir haben zu strafen oder gar zu rächen - Gott ist es, der das Maß an Schuld und Strafe feststellt. Zu sehr weiß Gott, wie der Mob auf der Straße toben kann. „Wir üben doch nur Vergeltung“, heißt es dann. Vielleicht war das der Anlass, die Folgen waren aber immer nur neues Unrecht und neues Leid.

„Wer Kain totschlägt, soll siebenfach gerächt werden.“ – Die Menschen sind gewarnt, Gottes Strafmaß ausführen oder gar erhöhen zu wollen. So die Geschichte.

Was bleibt?: Alles in allem eine Geschichte, die unser Leben widerspiegelt. Eine Geschichte, nicht nur von damals, sondern von heute: wie Menschen sich begegnen, wie Kulturen sich begegnen. Eine aktuelle Geschichte von Anfang bis fast zum Schluss. „Fast“ deshalb, weil zwischenzeitlich das Neue Testament geschrieben wurde. Jesus Christus hat gezeigt, dass Gott Schuld nicht nur bestrafen, sondern auch vergeben will. Wer seine eigene Schuld erkennt und sich verändern will, so das Neue Testament, braucht weder Strafe noch Rache zu fürchten. „Kommt her alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“, sagt Jesus Christus. Damit sind die Armen gemeint, die vom Wohlstand Ausgeschlossenen und die mit Schuld Beladenen.

Sie werden sich in der Geschichte von Kain und Abel im Abel wiederfinden – versuchen wir, dass uns Kain immer unähnlicher wird. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unserer Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

Kategorien Predigten