Veröffentlicht von Frank Hielscher am Sa., 2. Nov. 2019 12:20 Uhr

5 Mose 6,4-9                                                       Reformationsfest Auferstehungskirche Weddinghofen                  31. Oktober 2019

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

zweimal habe ich über diesen Bibeltext schon gepredigt: Zum ersten Mal 80-jährigen Jubiläum der Overberger Frauenhilfe 2002, und das zweite Mal an einem ganz normalen Sonntag im Mai 2008. Zwei, wie ich finde, immer noch gut zu lesende Predigten, die aber nicht mehr in diese Zeit, in dieses Jahr und schon gar nicht in diesen Monat passen würden:

Der Anschlag in Halle am 9. Oktober auf die Synagoge dort – aber wir müssen genauer sein: Nicht auf die Synagoge, sondern auf die Menschen in der Synagoge, auf das Leben der Jüdinnen und Juden allen Alters – hat meinen Umgang in diesem Jahr mit diesem Text verändert: Nicht nur der Anschlag auf Juden in unserem Land, wo es offensichtlich Menschen gibt, die aus der Vergangenheit weder gelernt noch Schlüsse gezogen haben. Nicht nur der Versuch eines Massenmordes von Jüdinnen und Juden an einem Ort in Deutschland sondern auch an einem der höchsten Feiertage der Juden, dem Jom Kippur, dem VERSÖHNUNGS-Fest, lässt mich anders, zurückhaltender und vorsichtiger mit diesem Text umgehen.

Der Versuch eines Anschlags auf Juden in Deutschland an deren höchsten Feiertag – und wir haben heute den wichtigsten Text des jüdischen Glaubens als Predigttext: Das Sch’ma Jisrael, das von jedem Juden mindestens zweimal am Tag gebetet wird, in jedem täglichen Gottesdienst  --   und wann immer Juden hören, dass es von anderen gebetet wird, stimmen sie ein in dieses Gebet und lassen ihre Geschwister im Glauben damit nicht allein. – Das Sch’ma Jisrael, das in der Praxis jüdischen Glaubens noch höher steht als unser VaterUnser. – Und das als Predigttext für uns Christen in diesem Jahr, am Reformationstag 2019.

Ich kann daran nicht mehr so herangehen wie noch in früheren Zeiten.

Die wachsende antisemitische Haltung (oder ist es eine nur offensichtlicher werdende antisemitische Haltung) in unserem Land, deren misslungener Anschlag in Halle deren schmerzliche Spitze war (wobei ich die beiden unbeteiligten Toten nicht vergessen habe), macht mich fassungslos. 

Genauso wie es mich fassungslos macht, wenn Parteien mit rechter Gesinnung (und verdeckter antisemitischer Haltung) Martin Luther für deren Zwecke benutzen wollen. Es gab Wahlplakate, auf denen das Konterfei von Luther zu sehen war mit der Aufschrift: Er würde uns wählen.

Was für ein Unsinn! – Wobei: Ja, es gab einen Luther, der sich gegen Juden stellte. Aber nicht gegen sie als Personen an sich sondern gegen Glauben, den sie hatten. Luther glaubte nicht an eine jüdische Weltverschwörung, sah in ihnen nicht grundsätzlich schlechte, minderwertig Menschen, sondern Menschen, die einfach den falschen Glauben hatten. Juden, die sich hatten taufen lassen und Christen geworden waren, waren für ihn Schwestern und Brüder wie alle anderen Christen.

Mit seiner Haltung den Juden gegenüber (die eben nicht antisemitisch sondern , schlimm genug, am Ende seines Lebens nur“ antijüdisch war) hat er – wie an anderer Stelle auch – gezeigt, dass Luther eben auch nur Mensch und damit in seinen Urteilen, Aussagen und Handlungen fehlbar war.

Theologie, Christinnen und Christen weltweit, sind sich heute nahezu einstimmig einig, dass kein Jude Christ werden muss, um zu Gott zu kommen. Auch wenn es im neuen Testament von Jesus den Satz gibt: „Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Das ist ein Satz, eine Aufforderung für die, die qua Geburt und Glauben nie beim Vater waren und wie sie durch Jesus zu Gott kommen können. Wer aber schon bei Gott ist, muss nicht erst den Weg zu ihm suchen. – Und die Juden sind bei Gott. Waren sie immer schon. – Denn wie heißt es im folgenden Kapitel: „So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten.“ (Dtn. 7,9)

Das Sch’ma Jisrael zu beten, es jeden Tag zweimal und in der Synagoge öffentlich zu beten, ist „sein Gebot halten“. – Die Juden sind und waren schon immer bei Gott. Und wir sind es durch die Taufe.

Durch die Taufe geworden zu „Schwestern und Brüder“ wie es heißt. Zu Schwestern und Brüder untereinander und mit unseren jüdischen Schwestern und Brüdern, deren höchstes Gebet wir heute als Predigttext haben.

Das muss man wissen und bedenken an diesem Reformationstag 2019, vier Wochen nach dem antisemitischen Anschlag mit dem versuchten Massenmord an Juden in Deutschland. 

Gemeinsam, Juden und Christen, gilt dann das, was hier in ursprünglich ganz unspektakulärer Weise mitten im 5. Buch Mose steht. Einem Buch voller Gesetze und Gebote, manche wenige von zeitloser Gültigkeit, viele andere ihren Zeiten und Gegebenheiten geschuldet. Da, noch nicht einmal am Anfang eines Kapitels sondern erst im vieren Vers heißt es: „Höre Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ – Von Jesus dann als erste Hälfe des obersten Gebotes, des Doppelgebotes der Liebe genannt: Gott lieben von ganzer Seele, von ganzem Herzen und mit all unserer Kraft. Denn der Herr ist Einer, und da ist kein anderer Gott neben ihm.

Der Herr ist einer! – Einer, der uns zeigt, was gut und richtig ist im Leben. Einer, der uns ins Leben gerufen hat. Einer, der uns am Ende unseres Lebens wieder herausrufen will aus den Toten in sein ewiges Reich. – Der Herr ist einer und kein anderer Gott neben ihm.

So schlicht. So einfach. Und oft so unverstanden und ungeglaubt. Gott ist einer, der uns zeigt, was gut und richtig ist für unser Leben. Nicht unser Bankkonto. Nicht die bewundernden Blicke der anderen. Nicht die Zahl derjenigen, die auf uns hören müssen. – Der Herr ist einer, der uns zeigt, was gut und richtig ist für unser Leben. Unser eigenes und das der Welt. – Nicht meine Bequemlichkeit, oder die Angst vor Veränderung. Nicht das Festhalten an Überkommenem oder die Sucht nach Innovation. – Der Herr ist Einer, einer, der uns zeigt, was gut ist für uns und unser Leben. In Gemeinschaft als Schwestern und Brüder, die gemeinschaftlich glauben, leben, überlegen, entscheiden, verwerfen, diskutieren und vergeben. 

Die immer stärker werdende Radikalisierung nicht nur in unserem Land sondern weltweit, der immer geringer werdende Wille einander zuzuhören und sich verstehen zu wollen (der Brexit in Großbritannien, die Separatisten und deren Gegner in Spanien, die die Gesellschaft spaltenden Präsidenten in den USA und Brasilien sind nur die offenkundigsten Beispiele dafür) – all dies kann nicht mehr unter der Überschrift „Schwestern und Brüder des Einen Gottes“ verstanden werden. 

Wer den Einen Gott liebt, als seinen Vater liebt, wird er auch seine Geschwister lieben, oder, wie es in jeder Familie mal vorkommen kann: Wenn er seine Geschwister vielleicht nicht aus vollem Herzen lieben kann (weil sie vielleicht eine andere politische Orientierung haben oder es sonst etwas gibt, das das Verhältnis der Geschwister untereinander schwierig macht), werden sie doch einander akzeptieren und respektieren, verstehen und für deren gesicherte Lebensgrundlagen sorgen wollen. – Aber eben nicht ausgrenzen, beleidigen oder niedermachen.

Das „Sch’ma Jisrael“ ist das höchste Gebet der Juden. – Dass wir dieses Gebet als Predigttext an diesem Reformationstag in diesem Jahr heute haben, lässt mich, lässt uns in Demut auf diesen Text schauen. Und auch in Demut darauf, dass wir uns als Schwestern und Brüder von Jüdinnen und Juden erkennen dürfen, weil uns durch Christus der Weg zu Gott geöffnet wurde. Und wir ganz leise aber mit großer innerer Überzeugung mit ihnen sagen dürfen: „Der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“

Amen.

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