Predigt über Hiob 14 am Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr

Predigt über Hiob 14 am Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr


# Predigten
Veröffentlicht von Frank Hielscher am Sonntag, 17. November 2019, 15:22 Uhr

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

Hiobsbotschaften - kennt Ihr die? Wenn man merkt, wie einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Wenn das Loch, in das man fällt, unendlich scheint. Wenn das einzige, was man noch denken kann, ist: „Lass es ein Traum sein!“

Hiobsbotschaften. Ich erfahre vom Chaos, das um mich herum eingebrochen ist und mich mitreißt. Ohne Chance für mich zu entkommen. Die schlimmsten Momente im Leben. Und kein Leben kommt ohne diese Momente aus.

Hiobsbotschaften: deswegen der Name, weil Hiob nicht nur eine, sondern eine ganze Reihe davon hören und erleben musste. Hiobsbotschaften: wer je auch nur eine für sich gehört hat, wird nachfühlen können, wie es Hiob zu Mute sein musste.

Hiob bleibt nicht stumm, obwohl die Kraft zu auch nur einem Wort kaum ausreicht.  Etwas von dem, was er sagt, liest sich so: lesen Hiob 14,1-6 - Vergänglich ist diese Welt. Vergänglich ist alles Hab und Gut. Vergänglich sind wir. „Der Mensch, vom Weibe geboren, geht auf wie eine Blume und fällt ab.“ Schlimm, dass wir letztlich alles wieder abgeben müssen, was wir erarbeitet oder was wir geschenkt bekommen haben. Letztlich sogar das Kostbarste abgeben müssen, was wir haben: unser Leben selbst.

Wie gut geht es uns, wenn wir noch so denken können! Noch Sinn und Freude im Leben entdecken können. Nicht so Hiob. Ihm geht es viel schlechter. Er freut sich auf den Tag, wie es heißt, den letzten. Raus aus dieser Welt. Raus aus dem Loch, das ihn verschlungen hat und gefangen hält. Nur raus und weg. Und wenn’s der Tod ist. Der ist allemal besser als das, was Hiob jetzt widerfährt. Das Leid muss ein Ende haben! So oder so!

Kennt Ihr das? Keinem ist so ein Gefühl zu gönnen. Quasi im Leben schon durch die Hölle zu gehen. Lange Jahre kannte Hiob nur die Sonnenseiten des Lebens. Aber das war jetzt alles Vergangenheit. Vorbei. Grundlos, wirklich grundlos war das Unheil über ihn hereingebrochen.

„Vielleicht solltest du geprüft werden. Vielleicht hat es einen guten Sinn. Vielleicht ist dein Leiden nicht wirklich grundlos, wirst du für heimlich begangene Schuld bestraft.“

Das sagten Freunde zu ihm, die ihn besuchten zur Klage und zum Trost. Sie suchten einen Sinn in seinem Leiden. Sie meinten es gut mit ihm.

„Kann ein Reiner von Unreinen kommen!“ Entgegnet Hiob. Zu behaupten, er wäre frei von jeder Schuld, wäre überheblich, ja falsch; das wusste Hiob. Er war zeitlebens zwar nicht perfekt aber doch ein Guter gewesen. Nicht ein Böser. Er war gottesfürchtig, und Nächstenliebe eine seiner Tugenden. Nichts hatte er getan, wofür er besondere Strafe verdient hätte; kein Sinn war ihm einsichtig, so viel Leid ertragen zu müssen.

Aus heiterem Himmel hatte Unheil ihn bedeckt. Doch Hiob sagt nicht, es war Schicksal, Unglück, Pech - Hiob hält an Gott als Ursache für alles in seinem Leben fest. Daher klagt er ihn nun an, so grausam in sein Leben einzugreifen. Und er wehrt sich: „Bist du es schon, der Leben nicht nur gibt sondern auch wieder nimmt, hast du schon ersten und letzten Tag im Leben eines jeden Menschen gesetzt (und keiner kann die überschreiten.), so halt dich doch wenigstens raus aus dem, was dazwischen passiert. Geh weg aus meinem Leben, das du so zugerichtet hast, damit ich endlich wieder Ruhe habe!“

„Geh weg, Gott, dass ich endlich wieder Ruhe habe!“ - Wer von uns hätte solche Worte hier erwartet?! „Geh weg, Gott!“ Ist doch unser Reden, unsere Botschaft oft die genau andere: „Zeig dich wieder! Lass uns dich wieder spüren! Komm her und hilf uns!“

Vielleicht, weil uns das Gottesbild des Hiob zu viel Angst macht. Ein Gott, der nicht nur vor Unheil bewahrt, sondern auch Unheil bewirkt. Ein Gott, der zürnt, straft und richtet.   --   Wie Gott will, sind seine Gaben.

Das wusste Hiob. Und weil er Gott für die guten Momente in seinem Leben immer gedankt hatte, konnte er ihn für die schlechten anklagen. Dass seine Freunde immer wieder vom Licht am Ende des Tunnels sprachen - er konnte es weder sehen noch erahnen. Und alle gute Rede nutzte nicht. Aber dass er einen hatte, an dem er seine ganze Wut, seinen Zorn abladen konnte, das half, das ließ ihn nicht gänzlich irre werden an seinem Leben.

Denn Hoffnung, Hoffnung hatte er immer noch: Nicht mehr für diese Welt, aber für die kommende. Lesen Hiob 14.13.15-17

Was er nicht wusste: Gott hatte mit ihm auch schon in dieser Welt ganz andere Pläne.   ---   Gott sieht weiter als wir. Immer.  ---   Denn wie ging es weiter? Später, viel später kam neues Licht und neue Kraft. Für Hiob, obwohl er diese Hoffnung wohl schon aufgegeben hatte, noch in dieser Welt. „...Wirst du den Gerechten sehn lebend aus dem Feuer gehn, neue Kräfte kriegen“, wie es in dem Lied, das wir gleich singen werden, heißt. Die Hiobsbotschaften hörten auf. Gott lässt keinen fallen, Gott hält sein Versprechen. – Daran hatte Hiob für sein Leben in dieser Welt kaum mehr geglaubt.

Das Leid war zu groß und zu sinnlos gewesen, als dass Hiob an dieser Hoffnung hätte festhalten können. Euch, uns wünsche ich, dass uns nie so großes Leid widerfährt, nie die Säulen unseres Lebens so zusammenbrechen, als dass wir diese Hoffnung vergessen würden. Und wenn, dann wünsche ich uns Menschen, die mit uns klagen, den Schmerz aushalten, statt zu versuchen, zu erklären, was nicht zu erklären ist.

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden“ heißt es in Psalm 90. Sterben: schon schlimm genug. Aber Hiob hatte erfahren, dass es noch Schlimmeres gibt als den eigenen Tod: unendliches Leid mitten im Leben. Gott behüte, als dass wir davon mehr kennenlernen als bloßes Hörensagen!

Und wenn es doch anders wird, wir nie vergessen: Meine Zeit und alle Zeit stehn in Gottes Händen, in seinen guten und letztlich doch bewahrenden Händen. Amen.

 

Und der Friede Gottes...